Auf die Kamera kommt’s nicht an

Nachdem fStopper gerade mit einem ganz interessanten Artikel zum Thema “Equipment ist nicht wichtig” kam und die Diskussionen zu sehr kontroversen Meinungen geführt haben, dachte ich mir: Das ist mal ein Thema für meine Serie “So sehe ich das”.

Eine kurze Geschichte – so war das bei uns:

Wir sind schon sehr lange dabei, ich kenne das fotografieren noch so: Überlegen was man machen will, passenden Film kaufen, durchknipsen, Film wegbringen, ne weile warten und dann die Bilder abholen. Zu dem Zeitpunkt hat man dann schon vergessen wie die Einstellungen waren und der Lerneffekt war wirklich recht zäh. Aber es war spannend.

Später kamen dann diverse Digitalknipsen, ein paar DSLRs und als es dann “seriös” wurde, kam die Canon 5dMk2 mit L-Zoom-Linsen. Das war schon ein kleines aha-Erlebnis. Dennoch hat mein Kumpel mit seiner alten Nikon D70 und der 50mm Festbrennweite einfach bessere Fotos gemacht. Nicht qualitativ besser, aber irgendwie emotional fesselnder.

Also hat man sich weiter mit Linsen eingedeckt und zu den Zoom-Linsen gesellten sich noch einige Festbrennweiten. Hat uns das nach vorn gerissen – hm, erstmal ja – aber im Endeffekt nein.

Klar hatten wir dann auch dieses irre Bokeh und minimale Schärfebereiche – so wie man das halt “immer” sieht. Bei den anderen Hobbyknipsern vor allem. Wenn man schon ne Linse hat die das kann, dann muss auch alles in der undefinierten Farbmasse im Hintergrund verlaufen.

Als wir uns dann verstärkt mit Timelapse beschäftigt haben und auch einfach so noch ne Ersatzkamera wollten, haben wir die 550D gekauft. Klein, billig, leicht. Das erste Testfoto hat mich weg gehauen – denn die Bildqualität war absolut ebenbürtig zu meiner 5D. Trotz des Preises von gerade mal 25%. Der Unterschied zwishcen 18 und 21 Megapixeln macht auch praktisch gar nichts aus. Vollformat, mehr Freistellung – hinfällig, denn Crop = längere Brennweite = mehr Freistellung. Also kann man sagen: Die Brennweite verlängert sich – die Freistellung bleibt die Gleiche. einzig beim Superweitwinkel (12mm) war der Unterschied sehr extrem – aber wie oft braucht man das schon – normalerweise bewegen wir uns im Bereich 50 – 200 mm.

Irgendwann wurde die 5D ja geklaut und die 550D wurde befördert – hat irgendjemand einen Unterschied bemerkt: Nein. 
Wird irgendjemand den Unterschied bemerken: Nein. 
Werden wir immer mit der 550D fotografieren: Nein.
Mit was wird dann fotografiert? Das kommt drauf an, was wir in Zukunft so machen.

Wir sind gerade in der glücklichen Lage mit Leihkameras zu arbeiten. Unsere Arbeiten erfordern meist irgendwelche speziellen Dinge – mal sind es sehr lange Linsen, mal spezielles wie TiltShifts oder manuelle Linsen ohne Elektrik oder spezielle Festbrennweiten … Die Investition wäre untragbar.
Da wir eigentlich nie spontan arbeiten, wissen wir vorher was auf uns zu kommt – so können wir mit Leihgeräten gut arbeiten. Zumindest im Moment.

Gear doesn’t matter. Das stimmt nur zum Teil.

Viele Fotografen in meinem Umfeld haben diesen heiligen Schrein des Equipments. Ein Altar in Form eines Kamerarucksacks. Da darf man nichts dagegen sagen sonst ist man gleich ein Verräter. Oft wird auch am Equipment festgemacht ob ein Bild gut oder schlecht ist (“Mit einer Vollformat hätte das viel besser ausgesehen” “Das kann man mit einer Canon/Nikon/Pentax/Sony halt nicht so toll machen”).

Ich sehe es eher so – und das beobachte ich auch immer mehr – denn zuhause macht man die Bilder nur mit dem was gerade da ist. Mal ist es eine D4, mal eine iPhone. Egal. Da geht es um das Motiv. Ist das Motiv gut, kommt das Bild gut an. Noch nie habe ich gehört: “Ach je, das ist ja ein Scheiss-Motiv, aber die Bildqualität ist der Hammer”, was aber immer wieder kommt: “Da wäre ich gerne gewesen”, “Der/die/das Kind/Katze/Hund/Haus ist ja der Hammer”.

Man kann das auch auf Youtube beobachten. Die meist gesehenen Filme sind nicht die toll produzierten Imagefilme – es sind die mit dem Handy gefilmten Alltagssachen. Warum? Weil das Handy immer dabei ist und so im richtigen Moment die Dinge aufnimmt die wirklich sehenswert sind.

Wieder zurück zum Anfang.

Was bringt mir die tollste Ausrüstung, wenn ich keinen Plan habe was ich fotografieren soll?
Dann kommen technisch perfekte Bilder raus die kein Mensch sehen will.

Ich arbeite wirklich gerne mit “Edel-Equipment”. Klar. Aber macht das meine Arbeit besser?

Tendenziell sehe ich es so:

50% Idee
30% Team
20% technisches Verständnis

Wo ist das Euipment in der Auflistung? Die Prozentzahlen wurden gerundet und so ist das rausgefallen… ;-)

Jetzt die Einschränkungen.

Wer auf Hochzeiten fotografiert wird sich über lichtstarke Linsen freuen, über bei hohen ISO-Zahlen rauscharme Kameras und über ergonomisch schönes Equipment.
Wer Sport fotografiert wird sich über lichtstarke Linsen mit langer Brennweite und schnellem Fokus freuen.

Der Architekturfotograf liebt womöglich seine Tilt-Shift-Linsen.

Der Großflächenmacher hat eben sein digitales Rückteil mit 80mpx.

Und wir am anderen Ende der Nahrungskette?
Naja, wir sehen etwas beeindruckendes in der Werbung, in irgendwelchen Fachzeitschriften, in Tests, im Internet – und nur allzu oft denkt man:

“Hätte ich dieses Equipment, dann wären meine Bilder besser”.

Eigentlich muss es aber heissen:

“Hätte ich diese Idee gehabt, wären meine Bilder besser”.

 

NACHTRAG:

Um dem Standpunkt etwas mehr Gewicht zu verleihen, haben wir ein relativ aufwendiges Shooting mit relativ billigem Equipment durchgeführt. Hat auch Spaß gemacht und das Ergebnis gibt’s hier.

Von der Arbeit mit Menschen

Nach einer Diskussion gestern über “Dinge, die ein Studio braucht”, gingen mir viele Sachen durch den Kopf. Das werde ich hier jetzt mal runter schreiben, bitte immer drauf achten: Das ist meine Meinung und ich teile hier was ich so erlebe.

Grundlage: Modelshooting.

Wenn man alle Überlegungen in einen Satz packen soll, kommt dabei raus: “Achte auf dein Model” Das Model ist im Endeffekt in deinem Bild zu sehen – wenn Model sich nicht wohl fühlt, wird man das spüren bzw sehen. Dann ist das Bild für den Allerwertesten.

Man könnte jetzt meinen das ein “sei nett und anständig” reicht, aber das tut es nicht. Da gehört sehr viel mehr dazu. Als Fotograf ist man erstmal Gastgeber, Entertainer, Therapeut und irgendwann auch mal derjenige der auf den Auslöser drückt. Die ersten Aufgaben wollen gut gemacht werden, sonst klappt es in der 160tel Sekunde des Auslöser-drückens wahrscheinlich nicht.

Die Aufgaben als Gastgeber:
Man ist freundlich und zuvorkommend, stellt Getränke und Snacks bereit, man hat dafür zu Sorgen das es sauber ist und nicht stinkt im Studio, nicht zu warm oder zu kalt ist und Sitzplätze vorhanden sind. Sehr gerne sind auch Rückzugsmöglichkeiten gesehen, sei es zum Umziehen oder einfach so – Pausen entstehen ja immer wieder, gerade wenn verschiedene Sets im Spiel sind.

Die Aufgaben als Entertainer:
Sobald sich ein Model anfängt zu langweilen, wird es dich beobachten, denn du bist dann der Pausenclown. Sollte der Pausenclown zufällig gerade damit beschäftigt sein Lampen von a nach b zu rücken oder sonst irgendwie an der Technik zu fummeln, fängt Model an sich zu fragen: “Weiss der schon was er da tut?” bzw im schlimmsten Fall “Oh je, wo bin ich denn hier gelandet?”. Dank Facebook und Smartphones hat sich das glücklicherweise etwas entspannt. Normalerweise schalten sich Modelle immer selbst in den Facebook-Standby. Das kann man unterstützen in dem man WLAN zur Verfügung stellt oder im besten Fall sogar ein iPad o.ä. hinlegt. Zeitschriften sind auch immer gerne gesehen – hier aber keine Foto Magazine mit den neuesten technischen Erungenschaften. Die Standards sind hier nach wie vor: Vogue und konsorten (zumindest bei den weiblichen Modellen). Man tut sich selbst einen Gefallen wenn man aktuelle Ausgaben nimmt ;-)

Die Aufgabe als Therapeut:
Sollte sich ein Model unwohl fühlen oder einfach nicht 100%ig fit sein, ist das kein Beinbruch (es sei denn es ist einer). Schlimm wird es erst dann, wenn man es überspielt, nicht drauf eingeht oder sogar mit unverständnis drauf reagiert. Hier gilt es herauszufinden woran es liegt und was man dagegen tun kann. Selbst wenn ein Shooting nicht stattfinden kann, ist das halt so. Wenn man es versucht durchzuprügeln wird man das garantiert im Bild sehen und jeder geht mit komischer Laune raus. Hier hilft es, immer einen Plan B zu haben. ein Shooting, einen Test oder etwas das man auf der Agenda hat und schnell umsetzen kann. Bei uns ist es das Weißbierglas-Foto. Sollte irgendwann man ein Shooting dumm daneben laufen wird das Model gegen ein Weißbier ausgetauscht. Das klingt jetzt nach “dann gehen wir einen trinken”, ist aber gar nicht so gemeint…
Wir haben halt immer einen Alternativplan der nicht weglaufen kann.

Wenn es dann an’s fotografieren geht, sollte man sich mal überlegen was denn das Model so erlebt. Model steht da, sieht nicht wie die Bilder aussehen und muss sich drauf verlassen das du weisst was du tust. Die Verlockung ist groß immer wieder auf’s Display zu schauen um zu kontrollieren ob alles gut ist. Bild – 2 Sekunden Display, Bild, 2 Sekunden Display… Das führt dazu das das Model posed, sich entspannt, posed, sich entspannt und so weiter. Richtig flow kommt da nicht rein – dementsprechend lahm sind dann die Bilder. Hinzu kommt – in den 2 Sekunden in denen du auf das Display guckst, beobachtet dich Model. Du wirst sofort wieder zum Pausenclown, im besten Fall sogar  durch die Haltung mit dem gesengten Kopf mit Doppelkinn und lichten Haaren (so isses bei mir zumindest). Man sollte also immer eine Reihe Bilder machen (sagen wir mal 10 Stück) und dann darf man kurz auf’s Display schauen, sollte dann aber kommentieren was man da sieht und was man drüber denkt. Runzelt man die Stirn weil das Licht doof ist, könnte es sonst nämlich sein das Model das als “oh Gott was hab ich mir denn da für ein Model geholt” interpretiert und mit Unsicherheit drauf reagiert. Das wird man im Bild sehen und kann es in die Tonne kloppen.

Man sollte sich immer vor Augen halten: Das Model ist der Mittelpunkt. Völlig egal was du an Ausrüstung hast, die Bildqualität, die Technik, das Studio… Alles egal, denn wenn du das Model langweilst oder gar verstörst, wird jedes Handyphoto in ungezwungener Athmosphäre besser sein.

Zum Thema verstören: Wir Fotografen sind ja mehr oder minder ein stranges Volk. Zumindest wenn wir es richtig machen wollen haben wir einen fetisch für das was wir da tun. Das gilt auch für die Modelle. Da treffen also zwei unglaublich strange Völker aufeinander und sollen zusammen arbeiten. Vorsicht mit dieser Mischung!
Ein “mach die Kamera heiß, baby” funktioniert nur im Fernsehen und ein “sei ganz natürlich” ist der größte Quatsch den man einem Model erzählen kann. Wir arbeiten mit Modellen weil sie so unglaubliche Fähigkeiten haben, sich verbiegen und dabei eben entspannt schauen können und die Modelle arbeiten mit uns, weil wir genau das von ihnen verlangen und in Szene setzen. Ein Modelshooting ohne Muskelkater am nächsten Tag bedeutet meist das man nicht das Maximale aus sich herausgeholt hat. Wenn man sich als Fotograf in den Dreck werfen muss um die Perspektive zu bekommen, dann ist das halt so. Nein, ein Klappdisplay rettet dich da nicht, du musst in den Dreck – schonen gilt nicht – auch das wird man im Bild sehen.

Was man immer wieder gerne hört ist das “schmink dich bitte selber, du kannst das doch sicher”.
Das was Visagisten zaubern, hat nichts mit der Realität zu tun – es ist ein großer Unterschied ob sich jemand selbst schminkt (der sein Gesicht schon seit Jahren kennt) oder ob jemand anderes das macht – von Erfahrung und dem Ästhetikempfinden von den Visagisten spreche ich mal gar nicht, das ist echt der Hammer was da gemacht wird.
Es gibt auch einen Unterschied zwischen “Abendmakeup” und “Foto-Makeup”. Das Abendmakeup kann man draufspachteln, alles zu machen, Moltofil als Grundlage und dann großflächig dick auftragen. Fotomakeup sollte nichts “zuschmieren” und die ganzen feinen Strukturen erhalten (auch wenn die meisten Photoshop-Helden das dann wieder zunichte machen, aber das ist ein anderes Thema).
Ein Fotomakeup ist filigran und zerbrechlich. muss oft nachgearbeitet werden und sieht auf Fotos toll aus.
Schön ist hier zu beobachten: Die Modelle machen eine Veränderung durch wärend der Visa-Arbeit, die Körperhaltung ändert sich und sie schlüpfen in ihre Rolle.

Zum Thema Kleidung empfehle ich auch was bereit zu stellen. Kleidung die das Model mitbringt ist entweder Alltagstauglich oder schon geshootet worden oder wird nochmal geshootet. Wir haben in Traunstein einen phantastischen Kostümverleih, da kann man von Pferd bis Steampunk alles leihen, inkl kompetenter Beratung für billig Geld. Die Modelle freuen sich auch wenn man sie in Kleidung packt die völlig alltagsuntypisch ist, es hilft sie in ihre Rolle zu bringen.

Soweit mal kurz meine Gedanken angerissen, das Thema “Models” ist meiner Meinung wesentlich komplexer als jeder andere Part in der Fotografie und vor allem wesentlich wichtiger. Denn das Model ist im Mittelpunkt. Das Model entscheidet ob ein Bild gut ist oder nicht – wenn auch nicht bewußt.
Unsere Aufgabe also: Achte auf dein Model und achte dein Model.