Kategorie-Archiv: Gedanken

Von der Arbeit mit Menschen

Nach einer Diskussion gestern über “Dinge, die ein Studio braucht”, gingen mir viele Sachen durch den Kopf. Das werde ich hier jetzt mal runter schreiben, bitte immer drauf achten: Das ist meine Meinung und ich teile hier was ich so erlebe.

Grundlage: Modelshooting.

Wenn man alle Überlegungen in einen Satz packen soll, kommt dabei raus: “Achte auf dein Model” Das Model ist im Endeffekt in deinem Bild zu sehen – wenn Model sich nicht wohl fühlt, wird man das spüren bzw sehen. Dann ist das Bild für den Allerwertesten.

Man könnte jetzt meinen das ein “sei nett und anständig” reicht, aber das tut es nicht. Da gehört sehr viel mehr dazu. Als Fotograf ist man erstmal Gastgeber, Entertainer, Therapeut und irgendwann auch mal derjenige der auf den Auslöser drückt. Die ersten Aufgaben wollen gut gemacht werden, sonst klappt es in der 160tel Sekunde des Auslöser-drückens wahrscheinlich nicht.

Die Aufgaben als Gastgeber:
Man ist freundlich und zuvorkommend, stellt Getränke und Snacks bereit, man hat dafür zu Sorgen das es sauber ist und nicht stinkt im Studio, nicht zu warm oder zu kalt ist und Sitzplätze vorhanden sind. Sehr gerne sind auch Rückzugsmöglichkeiten gesehen, sei es zum Umziehen oder einfach so – Pausen entstehen ja immer wieder, gerade wenn verschiedene Sets im Spiel sind.

Die Aufgaben als Entertainer:
Sobald sich ein Model anfängt zu langweilen, wird es dich beobachten, denn du bist dann der Pausenclown. Sollte der Pausenclown zufällig gerade damit beschäftigt sein Lampen von a nach b zu rücken oder sonst irgendwie an der Technik zu fummeln, fängt Model an sich zu fragen: “Weiss der schon was er da tut?” bzw im schlimmsten Fall “Oh je, wo bin ich denn hier gelandet?”. Dank Facebook und Smartphones hat sich das glücklicherweise etwas entspannt. Normalerweise schalten sich Modelle immer selbst in den Facebook-Standby. Das kann man unterstützen in dem man WLAN zur Verfügung stellt oder im besten Fall sogar ein iPad o.ä. hinlegt. Zeitschriften sind auch immer gerne gesehen – hier aber keine Foto Magazine mit den neuesten technischen Erungenschaften. Die Standards sind hier nach wie vor: Vogue und konsorten (zumindest bei den weiblichen Modellen). Man tut sich selbst einen Gefallen wenn man aktuelle Ausgaben nimmt ;-)

Die Aufgabe als Therapeut:
Sollte sich ein Model unwohl fühlen oder einfach nicht 100%ig fit sein, ist das kein Beinbruch (es sei denn es ist einer). Schlimm wird es erst dann, wenn man es überspielt, nicht drauf eingeht oder sogar mit unverständnis drauf reagiert. Hier gilt es herauszufinden woran es liegt und was man dagegen tun kann. Selbst wenn ein Shooting nicht stattfinden kann, ist das halt so. Wenn man es versucht durchzuprügeln wird man das garantiert im Bild sehen und jeder geht mit komischer Laune raus. Hier hilft es, immer einen Plan B zu haben. ein Shooting, einen Test oder etwas das man auf der Agenda hat und schnell umsetzen kann. Bei uns ist es das Weißbierglas-Foto. Sollte irgendwann man ein Shooting dumm daneben laufen wird das Model gegen ein Weißbier ausgetauscht. Das klingt jetzt nach “dann gehen wir einen trinken”, ist aber gar nicht so gemeint…
Wir haben halt immer einen Alternativplan der nicht weglaufen kann.

Wenn es dann an’s fotografieren geht, sollte man sich mal überlegen was denn das Model so erlebt. Model steht da, sieht nicht wie die Bilder aussehen und muss sich drauf verlassen das du weisst was du tust. Die Verlockung ist groß immer wieder auf’s Display zu schauen um zu kontrollieren ob alles gut ist. Bild – 2 Sekunden Display, Bild, 2 Sekunden Display… Das führt dazu das das Model posed, sich entspannt, posed, sich entspannt und so weiter. Richtig flow kommt da nicht rein – dementsprechend lahm sind dann die Bilder. Hinzu kommt – in den 2 Sekunden in denen du auf das Display guckst, beobachtet dich Model. Du wirst sofort wieder zum Pausenclown, im besten Fall sogar  durch die Haltung mit dem gesengten Kopf mit Doppelkinn und lichten Haaren (so isses bei mir zumindest). Man sollte also immer eine Reihe Bilder machen (sagen wir mal 10 Stück) und dann darf man kurz auf’s Display schauen, sollte dann aber kommentieren was man da sieht und was man drüber denkt. Runzelt man die Stirn weil das Licht doof ist, könnte es sonst nämlich sein das Model das als “oh Gott was hab ich mir denn da für ein Model geholt” interpretiert und mit Unsicherheit drauf reagiert. Das wird man im Bild sehen und kann es in die Tonne kloppen.

Man sollte sich immer vor Augen halten: Das Model ist der Mittelpunkt. Völlig egal was du an Ausrüstung hast, die Bildqualität, die Technik, das Studio… Alles egal, denn wenn du das Model langweilst oder gar verstörst, wird jedes Handyphoto in ungezwungener Athmosphäre besser sein.

Zum Thema verstören: Wir Fotografen sind ja mehr oder minder ein stranges Volk. Zumindest wenn wir es richtig machen wollen haben wir einen fetisch für das was wir da tun. Das gilt auch für die Modelle. Da treffen also zwei unglaublich strange Völker aufeinander und sollen zusammen arbeiten. Vorsicht mit dieser Mischung!
Ein “mach die Kamera heiß, baby” funktioniert nur im Fernsehen und ein “sei ganz natürlich” ist der größte Quatsch den man einem Model erzählen kann. Wir arbeiten mit Modellen weil sie so unglaubliche Fähigkeiten haben, sich verbiegen und dabei eben entspannt schauen können und die Modelle arbeiten mit uns, weil wir genau das von ihnen verlangen und in Szene setzen. Ein Modelshooting ohne Muskelkater am nächsten Tag bedeutet meist das man nicht das Maximale aus sich herausgeholt hat. Wenn man sich als Fotograf in den Dreck werfen muss um die Perspektive zu bekommen, dann ist das halt so. Nein, ein Klappdisplay rettet dich da nicht, du musst in den Dreck – schonen gilt nicht – auch das wird man im Bild sehen.

Was man immer wieder gerne hört ist das “schmink dich bitte selber, du kannst das doch sicher”.
Das was Visagisten zaubern, hat nichts mit der Realität zu tun – es ist ein großer Unterschied ob sich jemand selbst schminkt (der sein Gesicht schon seit Jahren kennt) oder ob jemand anderes das macht – von Erfahrung und dem Ästhetikempfinden von den Visagisten spreche ich mal gar nicht, das ist echt der Hammer was da gemacht wird.
Es gibt auch einen Unterschied zwischen “Abendmakeup” und “Foto-Makeup”. Das Abendmakeup kann man draufspachteln, alles zu machen, Moltofil als Grundlage und dann großflächig dick auftragen. Fotomakeup sollte nichts “zuschmieren” und die ganzen feinen Strukturen erhalten (auch wenn die meisten Photoshop-Helden das dann wieder zunichte machen, aber das ist ein anderes Thema).
Ein Fotomakeup ist filigran und zerbrechlich. muss oft nachgearbeitet werden und sieht auf Fotos toll aus.
Schön ist hier zu beobachten: Die Modelle machen eine Veränderung durch wärend der Visa-Arbeit, die Körperhaltung ändert sich und sie schlüpfen in ihre Rolle.

Zum Thema Kleidung empfehle ich auch was bereit zu stellen. Kleidung die das Model mitbringt ist entweder Alltagstauglich oder schon geshootet worden oder wird nochmal geshootet. Wir haben in Traunstein einen phantastischen Kostümverleih, da kann man von Pferd bis Steampunk alles leihen, inkl kompetenter Beratung für billig Geld. Die Modelle freuen sich auch wenn man sie in Kleidung packt die völlig alltagsuntypisch ist, es hilft sie in ihre Rolle zu bringen.

Soweit mal kurz meine Gedanken angerissen, das Thema “Models” ist meiner Meinung wesentlich komplexer als jeder andere Part in der Fotografie und vor allem wesentlich wichtiger. Denn das Model ist im Mittelpunkt. Das Model entscheidet ob ein Bild gut ist oder nicht – wenn auch nicht bewußt.
Unsere Aufgabe also: Achte auf dein Model und achte dein Model.